Lektion 2 - Warum Ernährung von Hund und Mensch zusammen betrachten?
Auf den ersten Blick scheint es selbstverständlich, die Ernährung von Hund und Mensch getrennt zu betrachten – schließlich handelt es sich um zwei verschiedene Spezies mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Zwischen der menschlichen und der tierischen Ernährung gibt es weit mehr Parallelen, als viele heute denken.
Der Wolf im Hund
Der Haushund stammt zwar vom Wolf ab, aber er lebt seit sehr langer Zeit in der Nähe des Menschen und hat sich an dessen Lebensweise und Lebensmittelangebote angepasst.
Wölfe fressen überwiegend Beutetiere, nehmen aber durchaus auch pflanzliche Bestandteile auf – über Mageninhalte, Beeren, Früchte oder Kräuter. Der Hund ist diesen Weg weitergegangen: Durch das Leben an unserer Seite hat er gelernt, auch stärkehaltige und pflanzliche Komponenten gut zu nutzen. Auch genetische Adaptationen zeigen, dass der Hund sich an die stärkereiche Kost des Menschen angepasst hat.
Während ihre wilden Vorfahren vorwiegend Fleischfresser waren, hat sich der Haushund also im Laufe der Domestikation zu einem echten Allesfresser entwickelt. Nicht zuletzt diese Anpassungsfähigkeit hat den Hund zu dem Tier gemacht, das dem Menschen von allen Tieren am nächsten steht.
Von den Resten zum Fertigfutter
Durch die Ernährung mit Fertigfutter scheint die Ernährung des Hundes zunächst weit weg von unserer eigenen Ernährung zu sein. Wer hat es nicht schon einmal gehört: nur Hundefutter ist für den Hund geeignet, kein "Menschenessen"! Aber woraus besteht denn Hundefutter? Ja genau – aus denselben Lebensmitteln, die auch wir essen. Es sind die Reste unserer Lebensmittelproduktion, die wir nicht (mehr) wollen, die im Hundefutter landen.
Hundefertigfutter entstand nicht zuletzt deshalb, weil die Industrie so einen Weg gefunden hat, "Müll" zu Geld zu machen. Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts war es völlig normal, Hunde mit Essensresten zu füttern. Diese Praxis war einfach, kostengünstig und galt als ausreichend.
Wie Hundefertigfutter entstand
Der erste Schritt: Die Erfindung des Hundekuchens
Die Wurzeln des modernen Trockenfutters lassen sich auf den Amerikaner James Spratt zurückführen, der Mitte des 19. Jahrhunderts den sogenannten „Meat Fibrine Dog Cake“ entwickelte. James Spratt reiste um 1860 nach England und stieß dort auf Hunde, die am Hafen trockene Schiffszwiebacke (eine Art haltbares, hartes Brot für Seeleute) fraßen. Diese Beobachtung brachte ihn auf die Idee, speziell auf Hunde zugeschnittene Hundekuchen zu entwickeln, die die Bedürfnisse der Tiere besser abdeckten. Spratt kombinierte in seinen Hundekuchen Getreide, Gemüse und Fleisch und legte damit den Grundstein für die industrielle Produktion von Hundefutter. Er gilt als der erste Hersteller von kommerziellem Hundefutter und prägte mit seinen Hundekuchen den Markt, lange bevor Dosenfutter populär wurde.
Der Durchbruch des Dosenfutters
In den 1920er Jahren brachten die Gebrüder Chappel das erste Dosenfutter auf den Markt. In den USA führten sie Ken-L Ration ein, das erste kommerzielle Dosenfutter auf Pferdefleischbasis, das den Markt revolutionierte und die Basis für die moderne Hundefutterindustrie schuf. Es handelte sich dabei um Dosen mit Pferdefleisch, das als „mageres rotes Fleisch“ vermarktet wurde. Diese Konserven markierten einen wichtigen Meilenstein in der Hundefütterung und legten den Grundstein für die spätere Marke Chappi. In den frühen 1930er Jahren brachten die Chappel-Brüder das Hundefutter Chappi in Großbritannien auf den Markt, eines der ersten feuchten, fleischbasierten Dosenfutter in Europa. Es wurde für seine ausgewogene und leicht verdauliche Rezeptur bekannt. Der Erfolg des Dosenfutters führte zu einem Wandel in der Hundeernährung und machte erstmals industriell hergestellte Produkte zu einer praktischen Alternative.
Der technologische Durchbruch: Extrusionstechnologie
Ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung von Fertigfutter war die Einführung der Extrusionstechnologie in den 1950er Jahren. Diese Methode ermöglichte die Produktion von Trockenfutter in kleinen, gleichmäßigen und haltbaren Brocken. Die Extrusionstechnologie wurde ursprünglich in der Lebensmittelindustrie verwendet, insbesondere von Kellogg, um Frühstücksflocken herzustellen. Diese Technologie wurde später von Purina aufgegriffen, die erkannten, dass sich das Verfahren auch für die Herstellung von Hundefutter eignen könnte. Unternehmen wie Purina und General Mills erkannten die Vorteile dieser Technologie und investierten stark in ihre Entwicklung. Sie bewarben ihre Produkte als „wissenschaftlich getestet“ und „ernährungsphysiologisch vollständig“, was das Vertrauen der Hundehalter stärken sollte.
Die Einführung des extrudierten Trockenfutters revolutionierte die Art und Weise, wie Hundefutter hergestellt und vermarktet wurde. Es war lange haltbar, einfach zu lagern und kostengünstig zu produzieren. Diese Vorteile (von denen Hundehalter allerdings erst überzeugt werden mussten) führten dazu, dass Trockenfutter in den 1960er Jahren zum dominierenden Hundefutter wurde und bis heute sehr verbreitet ist.
Die Kritik an Fertigfutter - vor allem Trockenfutter - nimmt allerdings immer mehr zu. Hauptkritikpunkte sind der mögliche Verlust an Nährstoffen durch die hohen Temperaturen, die Entstehung potenziell schädlicher Stoffe sowie die (nicht sichtbare) Verwendung minderwertiger Zutaten.

Auch wenn Fertigfutter weiterhin ziemlich populär ist:Immer mehr Menschen hinterfragen diese Form der Hundeernährung.Es ist ja auch ein ziemlicher Widerspruch, dass Fertigprodukte für Menschen als ungesund gelten, für Hunde aber das ‚Non plus Ultra‘ sein sollen.
Frisch und nachhaltig für Beide!
Unsere heutigen Ernährungsweisen wirken sich mit steigender Tendenz auch wieder auf die Ernährung unserer Hunde aus. Nachhaltigkeit in der Ernährung trendet und wer selbst auf frische, natürliche Lebensmittel achtet, möchte das immer öfter auch im Napf seines Hundes wiederfinden. Damit schließt sich der Kreis: Was einst gemeinsam begann, findet heute in einem neuen Bewusstsein wieder zusammen.
Beide – Mensch und Hund – profitieren von einer Ernährung, die auf Qualität, Nährstoffbalance und möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln basiert. Clean Eating und Clean Feeding sowie auch die vegetarische Ernährung folgen denselben Prinzipien: Es geht um frische Zutaten, bewusste Auswahl und eine Reduktion auf das Wesentliche.
Auch gesundheitlich bestehen viele Parallelen: Verdauungsprobleme, Unverträglichkeiten, Übergewicht oder eine unausgeglichene Darmflora (Mikrobiom) sind Themen, die beide betreffen können.
Die gemeinsame Perspektive ist der Kern dieses Kurses. Du wirst sehen, dass vieles, was für dich selbst gesund und sinnvoll ist, sich oft mit wenigen Anpassungen auch auf deinen Hund übertragen lässt.
Ausblick
👉 Die enge Verbindung zwischen Mensch und Hund zeigt sich also auch in ihrer Ernährung. Wie sich diese Beziehung über die Jahrtausende entwickelt hat und welche Rolle Ernährung dabei spielte, erfährst du in der nächsten Lektion.